Kurzgeschichte Kurzgeschichten von Madrabour

Tagebuch - Juli 2003

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1.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Wie ich Dir gestern berichtete, haben sich die Kollegen und ich was ausgedacht. Wir haben nämlich einen kleinen Wettbewerb veranstaltet. Dieser Wettberwerb setzte sich aus vier Disziplinen zusammen: Schlüsseldienst, Fahrradkurier, Pizza I und Pizza II.
Bei der Kategorie Schlüsseldienst galt es, einen möglichst weit entfernt beheimateten Schlüsseldienst dazu zu überreden, hier im Büro ein Schloß auszuwechseln und danach noch einen möglichst guten Preis auszuhandeln. Zwar hatte ein Kollege bei der Entfernung die Nase vorn - er hatte tatsächlich einen polnischen Kollegen hierherzitiert -, aber dafür konnte ich den größten Preisnachlass herausfeilschen. Den ersten Teilwettbewerb konnte ich damit knapp für mich entscheiden.
Als nächstes galt es einen Fahrradkurier eigner Wahl einen bestimmten Parcour fahren zu lassen, wobei man den Kurier per Handy über die Strecke steuert. Gewertet wurde hier der vorher ausgehandelte Stundenpreis, der Schimpfwortfaktor und natürlich die benötigte Zeit. Falls Du, liebes Tagebuch, Dich fragst was der Schimpfwortfaktor ist: Hierbei handelt es sich um Anzahl und Qualität der Schimpferei des Fahrradkuriers, nachdem er erkannt hatte, das Start und Ziel seines Transportes gleich waren und er dafür nur einen Hungerlohn kassierte. Da es heute den ganzen Tag in Strömen regnete, wurde dieser Faktor besonders witzig! Ich konnte hier in allen drei Kategorien haushoch gewinnen, da ich neben meinem Preisverhandlungsgeschick auch noch Kenntnis über gute, aber dornen- und schlammreiche Abkürzungen besitze.
Eine besonders üppig ausgestattete Pizza galt es bei der Kategorie Pizza I zu bestellen. Dabei war ein Preislimit von 10 Euro gesetzt, welches wir natürlich alle ausreizten. Der Pizzadienst konnte frei gewählt werden. Gewertet wurden Lieferzeit, Gewicht der Pizza und Anzahl der verschiedenen Zutaten. Ich entschied mich für einen etwas weiter weg liegenden Pizzalieferanten, da ich bei diesem einen Stein im Brett hatte und außerdem wußte, daß er viele exotische Zutaten im Angebot hatte. So belegte ich zwar bei der Lieferzeit nur den vorletzten Platz, konnte aber bei Gewicht und Zutatenanzahl soviele Punkte sammeln, daß ich auch den dritten Teil unseres Wettbewerbes als Sieger beendete.
Pizza II bescherte uns unser Mittagessen. Es wurden nämlich alle Pizzas gleichmäßig auf die Kollegen geteilt und es galt, dieses Mahl in möglichst kurzer Zeit zu verspeisen. Um meinen Magen zu schonen, überließ ich hier den ersten Platz einem Kollegen, den Gesamtsieg konnte mir eh niemand mehr streitig machen! Den schnellsten Gang aufs Klo und die einfallsreichsten Geräusche von dort haben wir übrigens nicht gewertet.
Wie bereits erwähnt, habe ich mir bei unsrem kleinen Wettbewerb tatsächlich den obersten Treppchenplatz sichern können. Natürlich gab es auch einen Preis, aber den werde ich Dir liebes Tagebuch, heute noch nicht verraten, da ich jetzt keinen Bock mehr aufs weiterschreiben habe. Vieleicht ja morgen... oder irgendwann mal.

Machs Gut, Dein Freund!



2.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Eines der Pizzastückchen von gestern war wohl schlecht. Deswegen habe ich heute den ganzen Tag auf dem Klo verbracht. Naja, hat mit viel Büroarbeit gespart. Ansonsten nix Bemerkenstwertes heute.

Machs Gut, Dein Freund!



3.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Eigentlich war heute ja ein wunderschöner sonniger Tag. Als ich auf dem Heimweg eine Abkürzung durch eine Gasse nahm, bemerkte ich, wie sich ca. 3 Meter über mir eine Wolke bildete, aus der es auch noch zu regnen anfing, während ringsum das Sonnenlicht die Gasse erhellte. Plötzlich verkokelte mir ein Blitz auch noch ein Menge Haare. Ein zweiter Blitz zauberte einen Mann (natürlich in Regenmantel) vor mich in die Gasse. Machs Mundloch zu, Du Rübennase! Und denk dran: Noch vierzehn Tage! Ein dritter Blitz liess den Mann wieder verschwinden und Blitz Nummer Vier machte der Wolke über mir den Gar aus, so daß die Sonne nun auch wieder auf mich schien.
Tja, liebes Tagebuch, was hälst Du davon? Ich denke mal, ich bin in den berüchtigten Sekundenschlaf gefallen und eine nette Frau hat mich mit Hilfe eines Eimer Wassers wieder geweckt, was meine nassen Klammotten erklärt. Zwar kann ich meine angesengten Haare nicht erklären, da ich die aber abgeschnippelt habe, kann ich die schnell vergessen.


Machs Gut, Dein Freund!



4.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Heute ist Unabhängikeitstag in den bushigen Staaten. Zwar ist der gute Georgie total abhängig von seinen Ölfreunden, aber ansonsten gibts den den US of A bestimmt den einen oder anderen Unabhängigen.... wer weiß. Da ich unter Anderem von Essen abhängig bin geh ich jetzt in die Küche. Mahlzeit!

Machs Gut, Dein Freund!



5.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Heute hatte ich einen wilden Kampf! Er dauerte lange und ich hätte ihn beinahe verloren. Stundenlang wogt er hin und her, oft war ich nahe daran aufzugeben. Meine Geduld, meine Stärke und mein Geschick wurden auf eine harte Probe gestellt. Ich versuchte es langsam und vorsichtig, ich probierte es mit aller Gewalt. Ich drückte und versuchte zu manövrieren. Ich zog und zerrte wie ein Stier.
Und schliesslich gelang es mir endlich doch noch, den Strumpf, welcher sich in der Waschmaschine verklemmt hatte, doch noch aus eben jener herauszuholen!

Machs Gut, Dein Freund!



6.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Hatte heute eine kleine Ratte in meinem Zimmer, die war höchstens 50 cm groß. Ich hab das arme Viecherl in der Wohnung gegenüber einquartiert, da die Leutchen dort eh meist nur am Wochenende (momentan sind sie allerdings im Urlaub) da sind. Da die immer Ihren Kühlschrank gut gefüllt hinterlassen und sich nicht wundern, daß bei Ihrer Rückkehr nur noch die Hälfte drin ist, haben sie sicher nichts dagegen, noch einen kleinen Hausgenossen mit durchzufüttern.

Machs Gut, Dein Freund!



7.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Ein stinklangweiliger Montag war heute! Erst hatte ein Kollege übelsten Harzer Käse aufm Brot und danach ist gar nix passiert. Wie gesagt: stink-langweilig!

Machs Gut, Dein Freund!



8.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Heute gabs eine Falschlieferung der netten Art: Jemand hat einen Tischfußballtisch falsch adressiert, so daß wir den ganzen Tag zu tun hatten. Den Tisch lassen wir morgen zurückgehen, da er nicht mehr ganz so gut funktioniert. Naja, ein Tag kostenloses Spielvergnügen reicht aus, auch wenn die Lieferfirma schön dabei stöhnen wird, das schwere Teil wieder die Treppen runterzuschleppen.

Machs Gut, Dein Freund!



9.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Heute hab ich getestet, wieviel Datenverkehr unser kleiner Internetserver verträgt. Scheint nicht besonders viel zu sein. Jedenfalls ist er schon zusammengebrochen, als ich mir die Topp-100-CD's gleichzeitig aus dem WWW runterladen wollte. Den Rest des Tages hat dann der Servicetechniker versucht, den Rechner zu reparieren. Während er kurz ne kleine Pause gemacht hat, hab ich Speicher und CPU des offenstehenden Rechenknecht's einer kleinen Feurzeug-Hitze-Behandlung unterzogen. Zwar kann ich morgen nun den ganzen Tag nicht surfen, aber wenigstens bekommen wir einen leistungsfähigeren Server ins Haus. Ich habe den Tag noch ein wenig damit verbracht, ein paar Konfigurationsdateien zu schreiben, damit ich mir jederzeit alleinige Serverrechte sichern kann. Was muss, das muss...

Machs Gut, Dein Freund!



10.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Als ich heute grade von Arbeit zurück war, klingelte es bei mir an der Türe. Durch den Türgucker schauend stellte fest, daß ich Besuch von einer älteren Frau und einem noch älteren Mann hatte. Als ich die Türe öffnete, dachte ich mir schon, daß ich wohl ein paar religiöse Spinner in die Wohnung gelassen hatte. Da ich mit denen normalerweise viel Spass habe (bis sie fluchtartig das Haus verlassen), freute ich mich schon gar sehr.
Leider liessen mich die beiden gar nicht zum Zuge kommen. Sie faselten etwas davon, ob ich mich denn schon vorbereitet hätte. Schliesslich sei es in einer Woche soweit. Sie gaben mir Ratschläge, was ich noch zu tun hätte und was ich noch besorgen sollte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was die von mir wollten, aber jedensmal, wenn ich irgendwas fragen wollte oder ihnen etwas anbieten wollte, wurden sie laut und schnitten mir das Wort ab.
Schliesslich griff ich zum letzten Mittel: Ich tat so, als ob ich eingeschlafen wäre. Naja, genauergesagt tat ich erst so, als ob ich eingeschlafen wäre, weil ich kurze Zeit später tatsächlich eingeschlafen war. Als ich wieder erwacht war, waren meine Besucher verschwunden. Na, dann hat sich das Einschlafen wenigstens gelohnt. Und da nichts aus meiner Bude fehlt, laß ich die Sache mal auf sich beruhen, was solls!

Machs Gut, Dein Freund!



11.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Vieleicht kannst Du Dich ja noch an den Wettbewerb in unsrem Büro erinnern - Na klar kannst Du Dich ja noch an den Wettbewerb in unsrem Büro erinnern, Du hast ja ein schriftliches Gedächtnis - und daß es da auch so eine Art Preis gab. Heute habe ich diesen Preis nun eingelöst. Alle, die an unsrem Wettbewerb teilgenommen hatten, hatten mir einen Dienst meiner Wahl zu erfüllen!
Während ich meinen 'guten' Kollegen nur einen kleinen Dienst abverlangte ( Pizza holen, Küsschen Küsschen, für mich kleine Kopierarbeiten erledigen etc.), hatten es die 'weniger guten' Kollegen nicht ganz so leicht. So habe ich heute eine sehr angenehme Fußmassage erhalten und durfte dabei zuschauen, wie die drei Wochen alten Essensreste aus unsrer Kantine aufgefuttert wurden (die hatte ich extra zurücklegen lassen).
Einen Kollegen konnte ich besonders ärgern: Ich habe Ihn zum Chef geschickt, damit er dem Cheffe schönen heißen Kaffe übers Hemd schüttet. Dies brachte natürlich ein fettes Streitgespräch (habe ich aufgezeichnet, wozu habe ich schliesslich Telefone und Wechselsprechanlagen angezapft) und am Ende dessen die Kündigung meines Kollegen. Ich bin natürlich sofort zum Chef und habe ein gutes Wort für den Kollegen eingelegt, worauf mein Chef die Kündigung rückgängig gemacht hat. Ich bin doch so ein netter Mensch.
Achja, als kleine Geste schenkt mir der beinahe gekündigte Kollege neuerdings 5% seines Gehaltes. Wie schön. Nur merkwürdig, das er mich den Rest des Tages so böse angeguckt habe, obwohl ich ihm den Job gerettet habe. Wirklich merkwürdig.

Machs Gut, Dein Freund!



12.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Da morgen meine Mama zu Besuch kommt, muß ich bissel was vorbereiten und habe leider keine Zeit für Dich, liebes Tagebuch.

Machs Gut, Dein Freund!

PS: MAMA! Wenn Du das hier liest, hast Du wieder meine Porno-Sammlung durchsucht! Schäm Dich!



13.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

So, die Mama ist wieder weg und alles ist gut gegangen. In Dich hat sie scheinbar nicht geschaut... zumindest hat sie keine Fettflecken hinterlassen. Wäre ja auch wirklich peinlich, wenn irgendjemand diese meine geheimsten Gedanken lesen würde. Schliesslich schreibe ich diese Zeilen nur für Dich, liebes Tagebuch, und für niemand anderes. Hoffentlich stielt Dich mir niemand und entblößt mich dann im Internet oder so. Na, ich werd Dich einfach weiterhin gut verstecken!

Machs Gut, Dein Freund!



14.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Der Kollege, dem ich am Freitag den Job gerettet habe, scheint immer noch irgendwie sauer auf mich zu sein. Zwar hat er zähneknirschend die versprochene Kohle rübergerückt, aber ansonsten kein Wort mit mir geredet. Komisch. Als ich ihn belauschen wollte, bekam ich nicht viel mit. Er tuschelte mit einem der anderen Kollegen sowas wie Ich wünschte, der würde verschwinden... für immer. Dann brach er plötzlich ab. Ich hoffe, er hat nicht gemerkt, daß ich seine Bürozelle ebenso abhöre, wie alle anderen auch (wenn mir danach ist). Wenn der sich weiter so komisch benimmt, muß ich wohl doch noch dafür sorgen, daß er gefeuert wird.

Machs Gut, Dein Freund!



15.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Einen leckeren Kaffee hat mir der Kollege, dem ich den Job gerettet habe, heute gebracht. Ihm war wohl sein gestriges Verhalten etwas peinlich. Als ich dann später eine tierische Magenverstimmung hatte, mir von Minute zu Minute übler wurde und ich das halbe Büro vollgereihert hatte, war er sogar so freundlich, mich ins Krankenhaus zu fahren. Er war sogar so besorgt um mich, daß er ordentlich auf die Tube gedrückt und den kürzesten Weg genommen hat. Zwar führte dieser durch einige Fußgängerpassagen und ich wurde bei den vielen Bordsteinkanten ordentlich immer wieder durch die Gegend geschleudert (und der Firmenwagen muß wohl genaeral-überholt und -gesäubert werden... oder besser gleich auf den Schrott), aber er wollte ja nur mein Bestes.
Zwar haben die im Krankenhaus gesagt, daß ich irgendetwas Giftiges zu mir genommen haben müßte, da ich aber außer der Tasse Kaffee heute noch nichts weiter gegessen habe, tippe ich eher auf einen Virus oder Bazillus, den ich mir irgendwo eingefangen haben muß.
Nun liege ich krank zu Hause, darf bis Ende der Woche das Bett hüten und muß nicht arbeiten gehen. Schön!

Machs Gut, Dein Freund!



16.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Ich habe heute den ganzen Tag schlafend und fernsehguckend im Bett verbracht, also nichts erzählenswertes heute.

Machs Gut, Dein Freund!



17.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Als ich heute früh aufwachte, dachte ich kurz daran, daß sich ja heute angeblich mein ganzes Leben komplett ändern soll. Naja, ok, das waren ja immer irgendwelche Delirien die ich da erlebte, aber um ganz ehrlich zu sein, gab es die eine oder andere Milisekunde, in der ich etwas unsicher war. Natürlich ist den ganzen Tag nichts passiert! War ja klar! Alles nur Phantasie! Hehehe! Ich hab eh nicht dran geglaubt. Und damit mir solche Wachträume nicht wieder passieren, geh ich mal weiter schlafen, ist ja schlielich kurz vor Mitternacht. Nur noch mal aufs Klo und dann weiterpennen. Schliesslich will ich den morgigen Tag ordentlich krank feiern, da es meinem Magen schon wieder ziemlich gut geht!

Machs Gut, Dein Freund!



18.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Tja, liebes Tagebuch, daß ich Dir diese Zeilen schreibe, ist ein kleines Wunder.
Als ich gestern, nachdem ich ein wenig in Dich geschrieben hatte, aufs Klo gegangen bin, drückte ich nach dem Abschlagen wie immer die Klospülung. Allerdings hörte das Wasser nicht auf ind die Klosschüssel zu sprudeln. Immer mehr und mehr Wasser ergoß sich hinein und drehte und wirbelte und bildete schliesslich einen Wasserhosenwirbel der bis zur WC-Decke reichte. Als sich die Wasserhose begann, auf mich zuzubewegen, flüchtete ich ins Wohnzimmer. Die Wasserhose folgte mir und durchweichte mit ihrem Wasser die komplette Wohnung. Na, da werden sich die Untermieter mal wieder über den nächtliche Wohnzimmerregen freuen!
Ich stolperte rückwärts und fiel! In meinem Sturz suchte ich HAlt und griff dabei nach irgendetwas - und bekam etwas zu fassen, was sich als Dich, mein liebes Tagebuch, herausstellte. Als ich am Boden lang und versuchte, mich wieder hochzurappeln, stürzte sich der Wasserwirbel über mich und unter kräftigem Wasserschlucken und Husten verlor ich schliesslich das Bewußtsein.
Als ich wieder zu mir kam, stellte ich fest, das ich auf einer Wiese lag. Es tröpfelte noch ein paar Tropfen Klowasser auf mich herunter und dann war es kurz ruhig udn still. Plötzlich spürte ich einen sanften Hieb auf der Nase. Ein weiterer folgte auf die nackte Schulter - ich stellte fest, daß ich nur Unterhosen an hatte - und dann setzte es viele weiter kleiner Hagelschläge: Es regnete Tintenpatronen!
Als auch dieser'Regen' aufgehört hatte, hörte ich ein ein Pfeiffen, welches immer näher kam...von oben. Ich wollte grade nach oben schauen, da bohrte sich mein Füllfederhalter nach offensichtlich langem Fall tief in meinen Oberschenkel. Unter Schmerzensschreien zog ich das Schreibgerät heraus. Der Füller war blutverschmiert, ansonsten aber völlig intakt, verzeih also bitte, daß die Schrift heute ausnahmsweise statt im gewohnten königsblau eine violette Färbung hat.
Unter Schmerzen schreibe ich nun, auf einer riesengroßen, endlosen Wiese, welche sich rings um mich erstreckt und überall bis zum Horizont reicht, unter Schmerzen diese Zeilen an Dich, Tinte habe ich ja genug! Was soll ich auch sonst machen, während ich warte, daheim zu Hause in meinem Bett aus diesem Alptraum zu erwachen. Naja, ich leg mich jetzt hier ins Gras und wache dann morgen wieder frisch und munter zu Hause auf!

Machs Gut, Dein Freund!



21.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Die letzten drei Tage - nun ich schätze zumindest, daß es drei Tage waren, denn während meinen Schlaf-/Wachphasen hatte ich den Eindruck, daß es drei mal dunkel und wieder hell wurde - hat sich leider nicht viel getan. Ich hab ein wenig Schaf gespielt und Gras gefressen und liege ansonsten immer noch auf der blöden Wiese und lasse mir die Sonne auf die Haut brennen. Ich hab einen kleinen Beutel gefunden, welcher leider leer (kein Essen, so ein Mist!) war und mir nun als Behältnis für die ganzen Tintenpatronen dient.
Achja: die durch den Füller verursachte Wunde hat sich plötzlich von alleine wieder geschlossen und hat nichts Sichtbares hinterlassen. Da sowas nicht in Wirklichkeit passiert, träume ich wohl wirklich nur. Trotzdem hab ich mittlerweile ziemlichen Durst, da die paar morgendlichen Tautropfen mein Trinkgelüst nicht wirklich befriedigen. Ich werde wohl loslaufen müßen um irgendwen zu suchen. Hoffentlich finde ich ein paar Klammotten, so fast nackich fühl ich mich irgendwie unwohl.


Machs Gut, Dein Freund!



22.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Bin den ganzen Tag durch die Gegend gelatscht. Überall alles voller Wiese. Niergends Schatten, nur Sonne. Um genau zu sein, Sonnen. Sind nämlich zwei davon am Himmel. Ne große und ziemlich nah dabei noch ne kleinere Himmelsleuchte.
Erst gegen Abend, als die beiden Sonnen bereits dicht über dem grasigen Horizont hingen, gab es ne kleine Abwechslung: ein Baum. Und was für einer! Nicht das der besonders groß war, aber die Früchte, welche daran wuchsen, hattens in sich. Eine wasserähnliche Flüssigkeit, um genau zu sein. Diese befand sich in lederartigen Beuteln, schmeckte ziemlich gut und machte zudem noch pappsatt.
Allerdings brauchte ich fast ne Stunde, bis ich überhaupt an den Inhalt herankam, da die lederartige Außenschicht ziemlich hartnäckig war. Mit Hilfe des Füllers gelang es mir schliesslich, die erste Frucht anzuritzen, wodurch allerdings die Frucht aufplatzte und der komplette Inhalt der Frucht zu Boden ging. Wütent riss ich daraufhin ein Zweig vom Baum ab und stach wütend auf eine weitere Frucht ein und entdeckte dabei, daß die Zweige hohl waren und man diese prima als Strohhalme benutzen konnte. Die Zweige waren wohl extra dafür gedacht, da diese ganz leicht in die Früchte eindrangen. Ich riß mir daraufhin gierig noch ein oder zwei Dutzend der Früchte vom Baum, war aber nach der zweiten Frucht (wie bereits erwähnt) schon total satt. Im Restlicht der Dämmerung schreibe ich nun diese Zeilen und habe grade beschlossen, solange hier am lebensrettenden Baum zu bleiben, bis mir entweder die Früchte zum Hals raushängen (was ich mir nicht vorstellen kann) oder ich in meinem Bett oder vieleicht auch in der Klappsmühle wieder aufwache. Das alles kann doch nur ne Wahnphantasie sein. Da ich in der Dunkelheit fast nicht mehr sehen kann, was ich in Dich, liebes Tagebuch, reinschreibe, höre ich nun auf.

Machs Gut, Dein Freund!



23.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Als ich heute morgen aufwachte, war der schöne Baum verschwunden! So eine verdammte Sch...ande! Aber wenigstens waren die Früchte noch da, so daß ich ein paar Tage Verpflegung hab. Ich bin also wieder durch die Gegend gerannt und hab außer Wiese nix gefunden. Mist!

Machs Gut, Dein Freund!



24.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Ich hab heute den letzten Beweis dafür erlebt, daß ich wohl im Dauer-Delirium sein muss.
Als ich nämlich wieder auf der Such nach irgend etwas Anderem außer Wiese auf eben jener durch die Gegend lief, hörte ich plötzlich ein Geräusch wie von einem Zug. Und tatsächlich tauchte wie aus dem Nichts links von mir ein Doppelstockzug auf und fährt einen halben Meter vor mir vorbei.
Als ich mich vom Schreck erholt hatte, stand da ein Haus vor mir. Ich ging an eines der Fenster und schaute hinein. Da saßen zwei Typen drin, welche aus dem Fenster starrten, mich allerdings scheinbar nicht bemerkten. Plötzlich rannte hinter mir ein Typ mit Werkzeugkasten und gehetztem Blick vorbei und darauhin ging drinnen ein kurzes Spektakel los: Die beiden riefen sich zu Schnell, mach einen Strich beim Monteur und Ja, damit geht er wieder in Führung. Weiter gings mit Ich gebs mal schnell in den Computer ein, mal sehn wie sich das auf die Monatsstatistik auswirkt. worauf der andere antwortete Jau, da wird der Herr Zart wohl doch nicht gewinnen in diesem Monat!
Als ich einen Blick durch ein weiteres Fenster warf, stand da einer an einem Faxgerät und faxte ganz professionell ein paar Seiten durch die Welt. Langweilig! Ich wollte grade weitergehen, als eine älter Dame herein kam. Sie sah, das jemand am Faxgerät faxte und lief schnell hin. Der Mann schien Panik zu bekommen und wollte grade flüchten, aber die Frau war schneller. Ahh, sie sind wohl der Neue hier! Warten Sie mal, ich zeige Ihnen mal geht wie man das Faxgerät richtig benutzt! und machte sich daraufhin am Faxgerät zu schaffen, drückte Knöpfe und schob Papier hin und her. Plötzlich begann das Gerät zu piepsen und zu knattern. So, nun ist das Gerät vorbereitet, denn Rest schaffen sie auch allein. sagte die Frau und verließ den Raum zügig, in welchem das Faxgerät noch eine kleine Rauchwolke von sich gab und dann (wahrscheinlich für immer) verstummte.
Ich ging zum nächsten Fenster. Dort saßen zwei alte Leute drinnen, eine Frau und ein Mann. Die Frau knirtzschelte und knartzschelte mit den Zähnen und murmelte mit ständigen Blicken zu ihren Füßen, welche in einem Fußbad platschten, Diese Listen müßen revidiert werden. Wirklich alle müßen revidiert werden. Alle! Der Mann murmelte aucht etwas in der Art Hmm, was hat das wohl zu bedeuten, wenn ich hier im Menü Netzwerk deaktivieren und Stromnotabschaltung einleiten anklicke?
Im nächsten Zimmer standen drei Leute um einen PC und schienen irgendetwas zu spielen. Plötzlich ging der Strom aus. Da rief der eine Das habt ihr mit Absicht gemacht! Ich war grade am gewinnen! Ich spielt immer zu zweit gegen mich! Das Gezeter ging noch eine Weile weiter, als plötzlich ein anderer den Kopf ins Zimmer steckte, zu einem der beiden angeblichen Zusammenspieler rief Ach, da sind Sie ja! Sie sind ja immer noch ganz abhängig von ihrem Vorgänger! und wieder verschwand. Der Angesprochene fragte den dritten PC-Spieler Stimmt das, bin ich wirklich abhängig von dir?. Der antwortete kurz Nein, nein, Du bist ganz selbstständig! So, da wir eh nicht weiterspiel... ich meine weiterarbeiten können, machen wir jetzt am besten Mittagspause. Ich hol mir wie immer ne Pizza ohne Salami, die armen Tiere! Und ohne Käse, klar. Tomaten, anderes Gemüse und Gewürze lass ich auch weg, da das ja aus dem Ausland kommt und somit durch den weiten Transport die Umwelt verschmutzt. Ich hoffe, ihr tut es mir gleich, um Tiere und Umwelt zu schützen!
War das ein sogenanntes 'Haus das Bekloppte macht'? fragte ich mich. Egal, ich wollte Kontakt zu irgendwem aufnehmen. Als ich jedoch grade an die Fensterscheibe klopfen wollte, fuhr direkt hinter mir wieder ein Zug vorbei. Erschrocken drehte ich mich um. Als ich mich wieder dem Haus zuwenden wollte, war dieses wieder verschwunden. Verdammt! Also bleibt mir wieder nur eine Übernachtung auf endlos grüner Wiese.

Machs Gut, Dein Freund!



25.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Wieder den ganzen Tag nur gelaufen. Allerdings habe ich heute, grade als ich etwas in Dich, liebes Tagebuch schreiben wollte, ein helles Licht am Horziont gesehen. Ich habe schnell ein wenig vom Rasen in Pfeilform rausgerupft, um damit die Richtung zu markieren, in die ich morgen laufen muß. Wird auch langsam Zeit, daß ich irgendwo hin komme, da mir die Lederwasserfrüchte langsam ausgehen.

Machs Gut, Dein Freund!



26.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Das Leuchten, welches ich auch jetzt, während ich schreibe, sehen kann, ist heute schon wesentlich näher als gestern. Ich hoffe, ich erreiche es morgen. Hoffentlich gibts da was Antändiges zu essen! Ich hab nämlich Appetitt auf etwas anderes als Lederwasserfruchtsaft!

Machs Gut, Dein Freund!



27.Juli.2003

Liebes Tagebuch!

Das Leuchten habe ich heute zwar noch nicht erreicht, allerdings konnte ich meinen Hunger anderweitig stillen.
Gegen Mittag gabs mal wieder Abwechslung in der Graslandschaft und ich kam an eine Hecke, welche sich quer vor mir erstreckte. Da ich dahinter ein Geräusch vernahm, kroch ich hinein. Als ich vorsichtig auf die andere Seite herauslugte, sah ich einen leeren Tisch, an dem ein kleiner Mann saß. Ein sehr kleiner Mann. Höchsten einen halben Meter groß.
Der Kleine sprach Tischlein deck dich! und schwupps stand der Tisch voller Essen! Mir lief das Wasser im Mund zusammen, was da alles für Leckereien auf dem Tisch standen. Der Winzling stellte eine leere Flasche auf den Tisch und sprach Flasche füll dich! und schon war die Flasche mit einer roten Flüssigkeit gefüllt. Als nächstes legte er einen Zigarrenstummel auf den Tisch und wieder sprach er Zigarre erhol dich und der Zigarrenstummel wuchs zu einer schönen vollen Zigarre.
Als ich jedoch nicht ganz geräuschlos das Gebüsch verließ, verschwanden alle die Leckereien, die Flasche auf demn Tisch war wieder leer und auch die Zigarre war wieder nur ein Stummel. Der kleine Mann schimpfte: He, Du Depp, erschrick uns nicht so! Wer bist Du überhaupt? Ich stellte mich kurz vor und fragte, ob ich nicht was vom Essen haben könnte. Er sagte jedoch, daß ich für Ihne erst was erledigen sollte, bevor er teilen wollte. Einen ganzes Stück weg sei in der ein Loch, wo es nach unten in eine Höhle gehen sollte. Dort habe er eine Uhr verloren, welche ich ihm holen sollte.
Dazu hatte ich nun aber überhaupt keine Lust! Also hämmerte ich seinen Kopf auf den Tisch und verstaute den Bewußtlosen in der Hecke. Ich rief Tischlein deck dich! Flasche füll dich! Zigarre erhol dich! und liess es mir schmecken. In der Flasche befand sich diesmal keine rote Flüssigkeit, sonderm eines meiner Lieblingsgetränke: Champagner! Lecker. Als ich die Zigarre rauchen wollte, fiel mir ein, daß ich die ja gar nicht entzünden konnte. Also probierte ich es mit Zigarre entzünd dich!. Es funktionierte und ich konnte genüßlich eine Runde Schmauchen.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch unter dem Tisch. Als ich drunter schaute, entdeckte ich ein zusammengekauertes, wunderschönes Mädchen. Ich half ihr unter dem Tisch vor und betrachtete Sie erstmal stumm. Ich überlegte, wie ich sie ansprechen sollte, jedoch regte sich noch ein ganz anderer Gedanke in mir. Sollte ich es einfach mal versuchen? Der Gedanke gewann und ich rief Mädchen, entkleid' dich!.
Ich bekam eine schallende Ohrfeige und ich schloß vor Schreck und Schmerz die Augen. Als ich diese wieder öffnete, war ringsherum wieder nur Wiese. Alles andere - Hecke, kleiner Mann, schönes Mädchen, Tisch, Flasche, Zigarre - war verschwunden. Naja, wenigstens war ich satt und hatte mal wieder was anständiges gegessen.

Machs Gut, Dein Freund!





Weiter gehts im August

Letze Änderung: 20.11.2009

Zitat der Woche:

Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.


Kurt Tucholsky
Madrabours Eck
luegipedia.de Radebeul - Zitzschewig Madrabours Kurzgeschichten II