Kurzgeschichte Kurzgeschichten von Madrabour

Tagebuch - August 2003

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20.August.2003

Liebes Tagebuch!

Endlich sind wir wieder beisammen! Falls Du Dich fragst, warum ich Dir solange nicht berichtet habe, kann ich Dir gerne die Antwort geben:
Wie Du Dich erinnerst, hatte ich (lang ists her) ein leckeres Mahl von einem selbstdeckenden Tisch. Am nächsten Tag bin ich dann weiter gegangen auf der Suche nach dem Leuchten, als ich plötzlich in einiger Entfernung etwas auf der Wiese (Du weisst schon, die Wiese, die sich rings um mich endlos bis zum Horizont erstreckt) glitzern sah. Natürlich bin ich sofort hingerannt, um zu sehen, worum es sich bei dem Glitzerding handelt.
Als ich endlich da war, ist es passiert: Es rumpelte, es pumpelte, es schmerzte, es ging abwärts. Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist die kühle Luft, die in der Fallgrube herrschte. Und beim Sturz ist es wohl passiert: Du mußt irgendwie aus meiner Tasche gefallen sein, jedenfalls bist Du nicht mit auf dem Grubenboden mit angekommen.
Die ersten paar Tage versuchte ich noch, aus der Grube zu entkommen, aber nie hat es geklappt, die Grube war einfach zu tief. Ich versuchte sogar, Erde abzutragen und dadurch irgendwie nach oben zu gelangen, allerdings muß die Grube irgendwie verhext sein. Alles was ich durch die Gegend gebuddelt habe, ist bei der kleinsten Unaufmerksamkeit meinerseits wieder auf dem alten Platz. Scheinbar hat der Dreck hier Beine, allerdings hab ich die Erdwanderung nie beobachten können.
Verhungert bin ich deswegen nicht, weil ich auch jeden Morgen Obst in meinem Gefängnis vorgefunden habe. Ich habe versucht, aufzupassen, wo es herkommt, aber Fehlanzeige: Genau wie das wandernde Erdreich erscheint das Obst immer dann, wenn ich mal kurz nicht aufpasse oder schlafe. Naja, einem geschenkten Gaul...
Heute nun bekam ich plötzlich etwas Hartes an den Kopf - und siehe da, es warts Du, mein liebes Tagebuch. Schade nur, daß es so wenig berichtenswertes gibt. Es ist doch irgendwie langweilig in so einer Erdengrube ganz allein mit nur einer Stunde Licht zur Mittagszeit, wenn die Sonnen über der Grube stehen. Ich will hier raus!!!
Woher ich die Uhrzeit oder gar das Datum weiß, willst Du wissen, liebes Tagebuch? Nun, das merkwürdige Glitzerding, was mich überhaupt hier erst zu den Würmern (ja, da gibts auch welche, die schmecken aber nicht, igitt!) gebracht hat, war ne funktionstüchtige Uhr mit allem möglichen Schnickschnack. Genau so eine, wie ich mir, als ich noch in einer anderen Welt war, immer gewünscht hatte. So ein Zufall, gelle!
So, nun verschwindet die Sonne gleich hinter dem Grubenrand und ich werd mich weiter im Dunkeln langweilen. Ich hoffe, ich komme hier bald raus - oder wache endlich aus meinem Alptraum auf!

Machs Gut, Dein Freund!



Letze Änderung: 05.06.2018

Zitat der Woche:

Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.


Kurt Tucholsky
Madrabours Eck
luegipedia.de Radebeul - Zitzschewig Madrabours Kurzgeschichten II