Kurzgeschichte Kurzgeschichten von Madrabour

Googled

Vorwort

Die nun folgende Geschichte ist frei erfunden, ebenso alle darin handelnden Personen. Ähnlichkeiten zu realen Personen oder Vorgängen sind rein zufällig, gleiches gilt für alle in der Kurzgeschichte angegebenen Platzierungen bei google!
Ich möchte weiterhin darauf hinweisen, daß die Geschichte keinerlei autobiographische Züge aufweist! Ganz bestimmt nicht! Da bin ich mir fast sicher! Die Hoffnung stirbt zuletzt...

Googled

Wer gerne im Internet surft, sucht gelegentlich etwas. Wer etwas im Internet sucht benutzt Suchmaschinen. Und so benutze auch ich bei meinen Besuchen im WeltWeitenWeb diese netten Suchseiten. Und natürlich bin auch ich bald auf ein der besten Suchmaschinen (die Beste?) des Netzes gestoßen: Google! Natürlich war auch ich begeistert von der Einfachheit der Suche und Qualität der Suchergebnisse. Und die Jahre gingen ins Land...

Es ist noch nicht allzulange her, als ich begann, mich auch mit der anderen Seite von Google zu beschäftigen. Und das fing an, als ich selbst eine eigene kleine Webseite mit ein paar Infos über meinen kleinen Gemischtwarenladen ins Internet stellen wollte.
Ich machte mir Gedanken über das Aussehen (Layout, wie der Fachmann sagt), den Inhalt und natürlich darüber, wie ich meine Seite überhaupt umsetzen wollte. Während sich die ersten beiden Probleme schnell mit Papier und Bleistift lösen liessen, war das Problem Nummero 3 nicht ganz so einfach, hatte ich doch von Webseiten-Programmierung keine Ahnung.
Wozu gibts Google, dachte ich mir, und so fand ich dann auch schnell ein paar nützliche Tools, mit denen ich die gewünschten Seiten in relativ kurzer Zeit zusammengeklickt habe. Danach habe ich die Seite bei einem kostenlosen Anbieter hochgeladen. Das Verschieben der Seiten von meinem Rechner auf den eigentlich Platz im Internet dauerte eine Weile, aber das machte mir mit meiner DSL-Flatrate nichts aus.
Als das letzte Byte kopiert war, öffnete ich meinen Internetbrowser und gab meine neue Internetadresse ein. Zwar war diese etwas umständlich einzutippen, aber was solls, dachte ich mir. Und nach einer Weile war sie dann da, meine Seite. Ich war im Internet! Also schnell zu Google, meinen Namen und Gemischtwarenhändler eingetippt. Nix! Kein einziges Ergebnis! Ich probierte noch ein paar andere Suchbegriffe, aber entweder kommen tausende Ergebnisse oder es kommen wenig bis keine und meine Seite ist dort natürlich nicht dabei.
Als sich grade die Enttäuschung breit machen will, entdecke ich bei Google einen Hinweis, daß man seine Internetseite anmelden kann. AHA! Los gehts, danach müßte meine Seite dann ja zu finden sein. Oder auch nicht. Da steht doch tatsächlich, das die Aufnahme einer Seite Wochen bis Monate dauern kann. Es werden die längsten acht Wochen meines bisherigen Lebens. Natürlich gucke ich jeden Abend nach, ob ich schon dabei bin...
Die Freude, als es endlich soweit war, währte nur kurz. Zwar war ich mit meinem Namen und dem Gemischtwarenladen auf Platz eins, allerdings gabs ja auch keine anderen Ergebnisse. Mit allgemeineren Suchen (z.B.nur den Suchbegriff Gemischtwarenladen) war ich weiterhin kaum aufzufinden. Also suchte ich (natürlich mit Google) nach einer Lösung. Schliesslich fand ich auf einer Webmasterseite, welche ich mir gleich als Lesezeichen speicherte, den Tipp, die Internetadresse (vom Fachmann Domain genannt) vernünftig zu wählen. Da ich diesmal alles richtig machen wollte, las ich mir den Text gründlich durch und besorgte mir entsprechend eine Domain, die meinen Wohnort, den Begriff Gemischtwarenladen und meinen Nachnamen enthielt. Das kostete zwar Geld, aber die paar Euro im Monat konnte ich verschmerzen, mein Laden lief ziemlich gut. Nachdem das Prozedere von Seite hochladen und Google-Anmeldung wieder durchgeführt war, war wieder einmal warten angesagt.
Da ich mich inzwischen für etwas abgeklärter hielt, guckte ich nicht mehr jden Tag nach, nur zweimal die Woche. Ich weiß nicht, ob es an dem Verweis von meiner ersten Webseite auf die neue Seite lag, aber diesmal betrug die Wartezeit nur 6 Wochen. Und ich war mit meinem Wunschsuchbegriff in den ersten 500 Ergebnissen! Als ich auf der Webmastermasterseite im Forum grade meinen Triumph niederschreiben wollte, lass ich dort, das die meisten Suchmaschinenbenutzer maximal die ersten 50 Treffer anschauen. Ich war niedergeschmettert.
Aber natürlich gab ich nicht auf. Mit Hilfe von Google suchte ich Möglichkeiten, eine Seite auf Suchmaschinen zu optimieren, um weit vorn zu stehen. Natürlich fand ich Angebote von Firmen, die sowas erledigen und einen zusätzlich in tausende Suchmaschinen eintragen. Aber das kostete Geld, was ich nicht ausgeben wollte, und außerdem wollte ich ja nur bei Google vorn stehen, der Rest war mir egal. Schließlich fand ich eine sehr nützliche Seite. Allerdings wurde mir schnell klar, daß ich wohl etwas mehr Zeit investieren mußte, um mein Ziel der Top 50 bei google mit meinem Suchbegriff zu erreichen.
HTML hielt ich bis dahin eigentlich nur für die Endung an Internetdateien. Daß es sich hierbei um eine Programmiersprache handelte, war mir neu. Da man für die Optimierungstipps eben diese Programmiersprache benötigte, mußte ich diese eben lernen. Ich hatte ja in der Schule schon ein wenig Basic und Pascal gelernt, also würde ich auch HTML schaffen. Ich besorgte mir ein HTML-Buch und eine Texteditorsoftware und schon könnte es losgehen.
Als ich meine Webseite das erste mal mit dem Texteditor öffnete, wurde ich förmlich vom Chaos erschlagen. Was im Buch so einfach aussah (soviel HTML-Befehle gabs ja gar nicht) war in dieser Datei kaum zu überschauen. Notdürftig suchte ich mir ein paar Zeilen zusammen, bei denen ich die Optimierungstipps anwenden konnte, aber ich merkte schnell, daß ich mich wohl intensiver mit dem Programmieren von Webseiten beschäftigen mußte, um diesem Chaos Herr zu werden. Ich strich also einen geplanten Wochenendausflug und beschloß, dieses Wochenende mit HTML zu verbringen. Vorher lud ich jedoch noch die neue Version meiner Seite ins Internet.
Am Freitag Abend (drei Tage waren vergangen) konnte ich feststellen, daß sich die Optimierungstipps bereits ein wenig ausgezahlt hatten: Von Platz 487 war ich auf Platz 412 vorgerutscht! Nun, ich hatte mir noch genug weitere Tipps ausgedruckt, so daß da wohl noch wesentlich mehr an Verbesserung drin wäre. Am Samstag Abend hatte ich dann begriffen, daß die Seite, die ich mit meinen tollen Programmen erstellt hatte, aus HTML-Sicht ziemlich ineffektiv und vor allem viel zu groß waren. Also würde ich meine Seiten komplett neu schreiben. Da auch die Bilder zu groß waren und damit die Ladezeit meiner Seite erheblich beeinträchtigten, besorgte ich mir auch noch ein Bildbearbeitungsprogramm.
Von nun an nutzte ich jede freie Minute, um meine neue Seite zu erstellen, natürlich arbeitete ich soviel der Suchmaschinenoptimierungstipps mit ein wie möglich. Als ich zwei Wochen später endlich fertig war, lud ich die Seite hoch. Einmal mehr war abwarten angesagt und ich konnte mich mal wieder mit etwas Anderem beschäftigen. Da grade Monatsende war, machte ich die Abrechnung für meinen Gemischtwarenladen. Der Gewinn war um zehn Prozent zurückgegangen. Die Bastelei an meiner WWW-Seite hatte wohl etwas meiner Arbeitszeit gekostet und ich hatte einen leichten Kundenrückgang zu verzeichnen. Wenn aber erstmal jeder meine Internetseite sehen würde, würde die Kundschaft schon wieder kommen... und natürlich viele neue Kunden mehr.
Die neue Webseite war wirklich ein voller Erfolg: Platz 46 und damit Seite 5 bei Google. Inzwischen hatte ich mir auch einen Seitenzähler besorgt und wusste auch, wie ich die Zugriffszahlen herausfinden konnte. Allerdings stiegen diese nicht besonders und mehr Kundschaft hatte ich auch noch nicht bekommen. Ich suchte also nach weiteren Optimierungstipps und begann, meine Seite auch auf andere Suchbegriffe hin auffindbar zu gestalten. Die Suche nach Tipps und die Gestaltung meiner Webseiten kostete mich zwar immer mehr Zeit, aber wenn ich erstmal mit verschiednen Begriffen (z.B. mit Obst, Gemüse, Lebensmittel) ganz vorn war, würde ich schon wieder mehr Zeit für meinen Laden haben.
Ich begann, mich mit weiteren Gestaltungsmöglichkeiten für meine Webseite, wie z.B. CSS, Java und Javascript zu beschäftigen. Ich legte mir noch ein paar Domains mit ein paar meiner Suchbegriffe zu. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem sogenannten Pageranking (kurz PR), einem Wertungsmaßstab von Google. Ich trug mich in einige Gästebücher mit einem hohen Pagerank ein, da dies gut für den eigenen PR sein sollte. Ich trug mich auch auf einigen kostenpflichtigen Seiten mit hohem PR ein. Eigentlich wollte ich nicht noch mehr Geld für meine Webseiten ausgeben, aber die 500 Euro im Jahr könnte ich schon noch verschmerzen. Ich überlegte, einige meiner Waren direkt als Versandware zu verschicken und baute ein entsprechendes Formular auf meine Seite ein, was mir so zwei bis drei echte Bestellungen und vierzig bis fünfzig Bestellungen für Erika Mustermann pro Woche brachte. Deswegen löschte ich das Formular wieder. Außerdem baute ich noch ein Forum und ein Gästebuch in meine Seite ein. Und natürlich kontrollierte ich ständig die aktuellen Platzierungen meiner Domains mit verschiedensten wichtigen Suchbegriffen.
In dem Monat, in dem ich mit den Suchbegriffen Gemischtwarenhändler und Gemischtwarenladen das erste mal bei Goolge auf Platz eins war, machte ich das erste mal Verlust mit meinem Laden. Drei Monate später mußte ich den Laden dann dicht machen, damit er nicht all meine Ersparnisse auffraß. In meinem Gästebuch bedankten sich merkwürdigerweise immer noch Kunden für die tolle Bedienung und die große Auswahl an Waren und waren auch sonst voll des Lobes für mein Geschäft. Und ich sollte doch mal ihre Webseite besuchen, die sei auch ganz toll. Die Ursache hierfür war wohl mein hoher Pagerank von 6 (maximal möglich sind 10) und der damit verbundene Bonus auf den eigenen PR den sich die Eintragenden machten.
Gedanken, warum der Laden trotz der tollen Google-Platzierungen nicht mehr Kundschaft angezogen hatte, machte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Vielmehr dachte ich krampfhaft darüber nach, wie ich bei einigen Suchworten noch weiter nach vorn kommen könnte.

Heute habe ich auf meiner Internetseite den millionsten Besucher gehabt. Meine Foren (mittlerweile habe ich sieben Stück) platzen aus allen Nähten und die Beiträge darin beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage wozu eine Internetseite zu einer Firma, welche nicht mehr existiert, gut sein soll. Ich komme nicht mehr dazu, dort zu antworten und lösche nur die Einträge mit den schlimmsten Schimpfwörtern. Mein Gästebuch habe ich längst geschlossen. Ich selbst grübele grade darüber,wie ich ein bisschen zu Geld kommen könnte, da mir dieses langsam aus geht. Vieleicht könnte ich ja kostenpflichtig Tipps dazu geben, wie man seine Webseite gut bei Google platziert? Oder eine Portalwebseite für andere Gemischtwarenhändler. Mal gucken, was für Möglichkeiten Google da mit den entsprechenden Suchwörtern anbietet.

Vorher schau ich nur noch schnell, wie gut meine Webseiten grade bei Google sind...

Ende

^Hop to the TOP^



Letze Änderung: 20.11.2009

Zitat der Woche:

Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.


Kurt Tucholsky
Madrabours Eck
luegipedia.de Radebeul - Zitzschewig Madrabours Kurzgeschichten II